7. September 2026
Von Christian Hommel
Am Freitag, 4. September 2026, hat der Landesjagdverband Nordrhein-Westfalen seinen aktuellen E-Mail-Newsletter verschickt. Eine Meldung ist mir dabei besonders aufgefallen: „PEFC-Tagung ‚Zu viel Wild im Wald?‘ – Dr. Michael Petrak stellt Nordrhein-Westfälischen Weg vor“. Darin reißt der LJV kurz eine PEFC-Tagung auf Schloss Bückeburg an und stellt erneut die „Grundsätze des Nordrhein-Westfälischen Weges“ heraus. Der Verband bezeichnet diesen als einen „Weg der Vernunft“ mit einem „gesamtheitlichen und partnerschaftlichen Ansatz“. Besonders hängen geblieben ist bei mir ein weiterer Satz:

Da ich bei der aktuellen PEFC-Tagung nicht dabei war, möchte ich deren Vorträge und Diskussionen auch ausdrücklich nicht bewerten. Der Newsletter war für mich vielmehr der Anlass, dem dort gesetzten Link zu folgen und mir das vom LJV beworbene und angeführte Symposium von 2023 noch einmal sehr genau anzusehen. Die mehr als fünfstündige Veranstaltung ist vollständig und öffentlich auf YouTube abrufbar – wer sich selbst ein Bild machen möchte, findet den Link am Ende dieses Kommentars.
Meine folgenden Gedanken beziehen sich deshalb ausdrücklich auf dieses Symposium und die dort vertretenen Positionen – und auf die Frage, warum der LJV gerade diese Veranstaltung bis heute als Beleg für seinen „Nordrhein-Westfälischen Weg“ anführt.
Und tatsächlich: Vieles, was dort gesagt wird, ist fachlich richtig. Jagdintervalle und Ruhephasen, die besondere Bedeutung des Abschusses weiblichen Rehwildes, die Notwendigkeit des Waldumbaus und die Forderung nach angepassten Wildbeständen – bei vielem kann ich zunächst nur zustimmen. Und trotzdem – oder gerade deshalb – hinterlässt die vom LJV propagierte Position bei mir ein erhebliches Unbehagen.
Die Sprache hat sich jedenfalls verändert. Waldumbau, Klimastabilität, angepasste Wildbestände, Intervalljagd, Lebensraumkapazität, Wildmanagement, Tierwohl: Das klingt modern, wissenschaftlich und ökologisch anschlussfähig.
Das begrüße ich ausdrücklich. Meine Sorge ist nur: Was, wenn sich vor allem die Sprache verändert hat?
Was, wenn fachlich richtige und kaum noch bestreitbare Erkenntnisse öffentlich vorangestellt werden, während man bei den entscheidenden Stellschrauben möglichst wenig verändern möchte? Dann könnten die neuen Begriffe am Ende zum Feigenblatt werden, hinter dem wesentliche Elemente traditioneller Jagd erhalten bleiben. Und genau diese Gefahr sehe ich.
Besonders bemerkenswert finde ich deshalb eine Aussage von Philipp Freiherr Heereman vom Waldbauernverband beim Symposium 2023. Sinngemäß: Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem.
Er erinnerte zugleich daran, dass man bereits einige Jahre zuvor gemeinsam festgestellt habe: „Wir haben zu viel Rehwild.“ Im weiteren Verlauf sprach er sogar von einer bestehenden Überpopulation, die zunächst reduziert werden müsse. Und nun schreibt der LJV selbst drei Jahre später, Erkenntnisse und Handlungsmaßgaben seien „altbekannt“.
Genau. Das sind sie.
Dann müssen wir aber irgendwann aufhören, so zu diskutieren, als müssten die grundlegenden Zusammenhänge erst noch entdeckt werden. Wir wissen seit Jahrzehnten, was hoher selektiver Verbiss bewirken kann. Es geht eben nicht nur um ein paar angeknabberte Bäume. Es geht um Konkurrenzverschiebungen und Entmischung. Verbissempfindliche Baum-, Strauch- und Pflanzenarten werden zurückgedrängt oder verschwinden, während weniger attraktive Arten übrigbleiben.
Was irgendwann vollständig fehlt, taucht später auch in keiner Verbissstatistik mehr auf.
Gerade in Zeiten des Klimawandels ist das fatal. Ein zukunftsfähiger Wald braucht keine weitere Verarmung, sondern eine möglichst große standortgerechte Vielfalt.
Auch Dr. Rudi Suchant, Leiter des Arbeitsbereichs Wildtierökologie der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg, liefert beim Symposium bemerkenswert deutliche Aussagen. Er zeigt beispielsweise, dass hohe Abschusszahlen beim Rehwild alleine wenig über eine wirksame Populationsregulierung aussagen. Wer vornehmlich Böcke erlegt und den reproduzierenden weiblichen Bestand unzureichend bejagt, kann hohe Strecken produzieren, ohne die Populationsentwicklung entscheidend zu beeinflussen. In der Diskussion spitzt Suchant es populationsbiologisch sogar darauf zu, dass man zur reinen Bestandssteuerung theoretisch überhaupt keinen Bock erlegen müsste. Ebenso deutlich spricht er sich für kurze und effektive Jagdphasen aus.
Auch da denke ich: Ja. Genau.
Aber dann muss diese Erkenntnis irgendwann Konsequenzen für die Jagdpraxis haben. Für Abschussstruktur und Jagdmethoden. Für den Umgang mit weiblichem Wild. Für revierübergreifende Jagden. Für die tatsächliche Effizienz der Jagd. Und nicht zuletzt auch Konsequenzen für traditionelle Selektions- und Trophäenvorstellungen. Ein Paradigmenwechsel findet schließlich nicht im Vokabular statt, sondern draußen im Revier.
Auch die immer wieder verwendete Formel „Wald mit Wild“ sehe ich deshalb inzwischen als kritisch. Selbstverständlich Wald mit Wild. Rehe und Hirsche gehören zu unseren heimischen Ökosystemen. Mir ist auch niemand im ÖJV oder beim Forst bekannt, der einen Wald ohne Rehe fordert. Wogegen grenzt man sich mit dieser Formel also eigentlich ab?
Die entscheidende Frage ist doch eine andere: Sind Anzahl und räumliche Verteilung der großen Pflanzenfresser mit der natürlichen Entwicklung ihres Lebensraumes vereinbar?
Oder noch einfacher: Wie viel Wild verträgt der Lebensraum?
Reh und Hirsch (von namentlich Sika oder Muffel will ich gar nicht reden – das steht nämlich auf einem anderen Blatt. Bleiben wir deshalb hier bitte bei Reh- und Rotwild) gehören in unsere Ökosysteme . Sie stehen aber nicht über ihnen. Das Ziel kann deshalb nicht ein bestimmter jagdlich gewünschter Wildbestand sein, an den wir anschließend den Lebensraum anpassen. Ausgangspunkt muss vielmehr ein funktionierendes Ökosystem sein, in dem selbstverständlich auch Reh- und Rotwild ihren Platz haben.
Ein zentraler Bestandteil des „Nordrhein-Westfälischen Weges“ ist sein sogenannter gesamtheitlicher Ansatz. Auch dagegen ist zunächst überhaupt nichts einzuwenden. Natürlich ist das Wald-Wild-System komplex. Waldstruktur, Landwirtschaft, Klima, Deckung, Freizeitnutzung, Jagddruck und andere Störungen beeinflussen Wildtiere und ihr Verhalten. Problematisch wird es für mich dort, wo aus dieser wissenschaftlich richtigen Feststellung eine Relativierung der jagdlichen Verantwortung wird.
Dann kommen schnell die bekannten Werkzeuge auf den Tisch: Besucherlenkung, Äsungsflächen, Wildruhezonen, Freizeitdruck, Schutzmaßnahmen, Lebensraumgestaltung und Runde Tische.
Alles davon kann im konkreten Fall sinnvoll sein. Aber es darf nicht dazu führen, die eigentliche Frage aus dem Blick zu verlieren: Verhindert der Wildeinfluss die natürliche Entwicklung des Waldes oder nicht?
Wenn er das tut, müssen die Ursachen festgestellt werden. Und wenn die Ursache ein zu hoher beziehungsweise nicht angepasster Schalenwildbestand ist, muss dieser Bestand reduziert werden (und, wen wundert's: in den allermeisten Fällen ist das auch so).
So komplex ist dieser Teil der Antwort dann eben nicht.
Besonders hellhörig werde ich, wenn im Zusammenhang mit Wiederbewaldung gleichzeitig über zusätzliche Äsungsflächen und Wildruhezonen gesprochen wird – wie es auch beim Symposium geschieht. Natürlich kann man durch Lebensraumgestaltung die räumliche Nutzung des Wildes beeinflussen. Aber wir sollten uns schon fragen, welches Ziel wir verfolgen. Wenn die Lebensraumkapazität für Rehwild ohnehin hoch ist, kann eine weitere Verbesserung des Nahrungsangebotes eben auch dazu führen, dass der Lebensraum noch mehr Rehe tragen kann. Dann behandeln wir Symptome und stabilisieren möglicherweise gleichzeitig deren Ursache.
Genau darin liegt für mich ein wesentlicher Unterschied zwischen traditioneller Wildhege und ökologischem Wildmanagement. Das Ziel darf eben nicht sein, einen möglichst attraktiven Lebensraum für hohe Bestände jagdlich interessanter Arten zu schaffen und deren Auswirkungen anschließend mit Schutzmaßnahmen und Abschussplänen zu verwalten. Das Ziel muss ein funktionierender Lebensraum sein.
Auch eine Formulierung des LJV-NRW-Präsidiums, die bei mir hängen geblieben ist. Es bezeichnet den Landesjagdverband beim Symposium als „Anwalt des Wildes“. Das klingt zunächst sympathisch. Aber bei genauerem Hinsehen steckt darin für mich ein Teil des grundsätzlichen Problems. Warum sollte Jagd Interessenvertretung einzelner jagdbarer Tierarten sein?
Für mich ist das Ökosystem der Mandant.
Dazu gehören Reh- und Rotwild genauso wie Bäume, Sträucher, Kräuter, Insekten, Vögel und all die anderen Arten, die einen Lebensraum ausmachen. Eine moderne ökologisch ausgerichtete Jagd darf deshalb nicht primär fragen, wie viele Rehe oder Hirsche wir gerne im Wald hätten. Sie muss fragen, welchen Einfluss diese Tiere auf ihren Lebensraum haben und ob das Gesamtsystem funktioniert. Das ist ein grundlegend anderes Verständnis von Jagd.
Und auch beim Tierschutz sehe ich einen wichtigen Punkt. Eine tierschutzgerechte Jagd bedeutet nicht, notwendige Bestandsregulierung möglichst zu vermeiden. Sie bedeutet vielmehr, den erforderlichen Abschuss effizient, sicher und mit möglichst geringer Störung zu erreichen. Dazu gehören für mich konsequente Bejagung weiblichen Rehwildes, Intervalljagd, revierübergreifende Zusammenarbeit, geeignete Bewegungsjagden und intensive Jagdphasen mit anschließenden echten Ruhezeiten. Interessanterweise sind wir damit wieder bei Aussagen, die beim LJV-Symposium selbst getroffen wurden.
Und deshalb komme ich immer wieder zur gleichen Frage: Wenn wir das alles wissen – warum tun wir es dann nicht konsequent?
Vielleicht müssen wir die ganze Diskussion am Ende sogar wieder einfacher machen. Wir können über Wilddichten diskutieren. Über Abschusszahlen. Über Modelle, Lebensraumkapazitäten, Jagdzeiten und Verbissprozente.
Mich interessiert letztlich etwas anderes: Was wächst draußen?
Können sich die standorttypischen Baum- und Straucharten in ihrer natürlichen Vielfalt entwickeln? Kommen auch verbissempfindliche Arten aus dem Äser? Brauchen wir dafür großflächige Zäune und permanenten Einzelschutz? Den Wald mit Verbissschutz vollzupflastern und Wildtiere aus Teilen ihres eigenen Lebensraumes auszusperren, kann jedenfalls nicht die Lösung sein. Was soll daran tierwohlgerecht sein? Was daran ist „Anwalt des Wildes“? Wenn bildlich gesprochen: Reh und Hirsch zwar vertraglich im Haus bleiben dürfen – aber Wohnzimmer, Esszimmer und Küche abgeschlossen werden. Ein funktionierender „Wald mit Wild“ braucht nicht immer mehr Schutz vor dem Wild, sondern Wildbestände, mit denen der Wald (und somit auch der Lebensraum) wachsen kann.
Der Zustand der Vegetation ist für mich der entscheidende Prüfstein des Wildmanagements. Nicht, weil jeder verbissene Baum bereits ein Schaden wäre. Sondern weil die Vegetation über Jahre zeigt, welchen Einfluss die Pflanzenfresser tatsächlich auf das Ökosystem haben.
Und damit komme ich zurück zum Newsletter des LJV. Vielleicht entwickelt sich der Landesjagdverband tatsächlich weiter. Das würde mich freuen. Aber ich bleibe skeptisch.
Denn ich sehe die Gefahr, dass die traditionelle Jagd kommunikativ modernisiert wird, ohne ihre wesentlichen Strukturen tatsächlich zu verändern. Vorne stehen dann Waldumbau, Klimastabilität, Wildmanagement, Tierwohl und „Wald mit Wild“. Dahinter bleiben womöglich Hegegedanken, jagdlich gewünschte (hohe) Wildbestände, traditionelle Selektionsvorstellungen, künstliche Lebensraumverbesserungen und die grundsätzliche Scheu vor einer wirklich konsequenten Bestandsregulierung erhalten.
Dann hätten wir keinen neuen Weg. Dann hätten wir alte Jagd in neuer Verpackung.
Genau deshalb halte ich den Satz aus dem LJV-Newsletter für so bemerkenswert: „Erkenntnisse und Handlungsmaßgaben für alle Akteure sind altbekannt.“
Dem möchte ich ausdrücklich zustimmen. Die entscheidende Frage ist nur, welche Konsequenzen wir daraus ziehen. Denn wenn die Erkenntnisse längst vorhanden sind, können wir uns nicht dauerhaft auf den Dialog über diese Erkenntnisse zurückziehen. Jetzt geht es um Umsetzung.
Und ob der viel beschworene „Nordrhein-Westfälische Weg“ tatsächlich ein neuer Weg ist, entscheidet sich für mich nicht am nächsten Symposium, nicht auf dem nächsten Jägertag und auch nicht im nächsten Positionspapier. Es entscheidet sich draußen im Wald.
Während ich mich mit dem „Nordrhein-Westfälischen Weg“ und dem vom LJV selbst als Referenz angeführten Symposium beschäftigt habe, lag die September-Ausgabe 2026 der Mitgliederzeitschrift des Landesjjagdverbandes NRW, des Rheinisch-Westfälischen Jägers, im Briefkasten. Und auch dort begegnet mir genau das Muster, das mich skeptisch macht.
Im Editorial schreibt Chefredakteur Benedikt Schweenen völlig richtig, ein klimastabiler Wald könne nur dort wachsen, wo junge Bäume eine reale Chance haben. Wald und Wild seien keine Gegensätze, und wer dauerhaft Lebensraum sichern wolle, müsse den Wald in seiner Vielfalt entwickeln und schützen. Alles richtig. Nur bleibt es bei der entscheidenden Konsequenz wieder bemerkenswert weich: „verantwortungsvolle, am Lebensraum orientierte Bejagung“, gemeinsames Handeln, Wald und Wild zusammendenken. Aber was bedeutet das konkret, wenn der Wildeinfluss die natürliche Waldentwicklung verhindert?
Ähnlich interessant ist Martina Rohns Beitrag zur Rehwildjagd im September. Konzentrierte Jagdintervalle statt dauerhaften Jagddrucks, genaues Beobachten, Sozialverbände berücksichtigen – und schließlich sogar die entscheidende Frage: „Wie viel Rehwild kann dieser Lebensraum dauerhaft tragen?“ Genau das ist die richtige Frage. Und Rohn schreibt selbst, dass dabei der Zustand des Lebensraumes ebenso gelesen werden müsse wie der Zustand des Wildes.
Dann sollten wir allerdings auch bereit sein, die Antwort zu akzeptieren: Zeigt uns die Vegetation, dass der Wildeinfluss eine vielfältige natürliche Verjüngung verhindert, muss der Bestand konsequent angepasst werden.
Vielleicht bringt gerade diese aktuelle Ausgabe mein Unbehagen mit dem propagierten „Nordrhein-Westfälischen Weg“ besonders gut auf den Punkt: Die Analyse nähert sich inzwischen erstaunlich weit den Positionen ökologischer Jagd an. Nur bei den Konsequenzen wird es auffällig leise.
Und genau daran wird sich zeigen, ob tatsächlich ein neuer Weg beschritten wird – oder ob vor allem die Sprache moderner geworden ist.
Der offizielle Link zum LJV-NRW „Symposium für Wald und Wild 2023“:
https://ljv-nrw.de/symposium-wald-und-wild
Für alle, die sich für das gesamte Video interessieren, hier der Link zum LJV-NRW und DJV „Symposium für Wald und Wild 2023“:
